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Specht K. Heidrich: Mykenische Geschichte(n). Von Phoroneus bis Odysseus, von Atlantis bis Troja.
Griechisch-archäische Geschichte auf dem Prüfstand.
Mantis Verlag 2004
416 S., 24,50 €, für Abonnenten (incl. deutschem Porto) 21,50 €
ISBN 3-938852-28-0
Bestellungen über den Buchhandel oder mantisillig@gmx.de
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Aus dem Vorwort (S. 12 - Schluss):
"Zwar sind Mythen meist nur Volkes Stimme, aus ungenauer Kenntnis der Fakten gerüchtartig entstanden, doch enthalten sie oft jene Wahrheiten, die von offizieller Stelle - in diesem Falle in Dokumentationen antiker Potentaten - wegen ihrer Bloßstellung herrschaftsschädigender Niederlagen aus guten Gründen totgeschwiegen wurden.
Seit Heinrich Schliemann herrscht bei allen Forschem eitel Freude, wenn eine archäologische Grabung ein Indiz freigibt, das ein klein wenig Mythos bestätigt. Es wird in wissenschaftlichen Abhandlungen gerne aufgegriffen, wenn es - ob zur Bestätigung oder Widerlegung ins Sujet zu passen scheint. Nur wird leider - und das fast in der Regel - die Frage nach zeitlicher Übereinstimmung völlig übergangen. Als Paradebeispiel sei nur die von Sir Arthur Evans, dem Ausgräber von Knossos, festgeschriebene Bezeichnung der "Minoischen" Kulturperiode genannt. Er wählte sie nach dem seebeherrschenden König Minos. Minos hat gerade noch in der Endphase dieser Epoche gelebt, gehörte aber bereits der mykenischen Zeit an, während der weitaus größere Teil der nach ihm benannten Kulturstufe von der Thalassokratie eines ganz anderen Volkes bestimmt war. Herodot hat deutlich genug gesagt:
"Im dritten Menschenalter nach dem Tod des Minos sei der Troische Krieg gewesen." [Hdt. 7.171]
Aber niemand hat ihm das geglaubt. Noch heute fmden es viele Gelehrte als wissenschaftlich, Minos fir den Schöpfer einer Seeherrschaft zu halten, die bereits Jahrhunderte vor ihm existierte, wobei die gesamte antike Literatur nicht den geringsten Hinweis auf Minos gibt.
Hier liegt das Grundproblem. Ohne zeitliche Fixierung läßt sich nun einmal keine historische Entwicklung erfassen, erst recht nicht die griechische Überlieferung verstehen, noch auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Die oft kurz gefaßten, splitterhaft in allgemeine Texte gestreuten Informationen antiker Autoren erscheinen isoliert wirr und ohne jeden dokumentarischen Wert. Trotzdem kann man sie nicht als Phantastereien oder als erfunden abtun. Oder wollen wir unzähligen Autoren jede Kompetenz und ernsthaftes Forschen absprechen?
Fügen wir jedoch ihre Informationen mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen wie Mosaiksteine zusammen, geben sie ihren wirklichen Sinn preis. Grundsätzlich wollen wir diese Berichte fir wahr halten, wenn sie nicht jeder Logik oder gesundem Menschenverstand widersprechen und solange nichts Gegenteiliges bewiesen ist.
Leider machten die Griechen keine chronologischen Angaben. Das brachte schon Diodorus Siculus zur Zeit Caesars zur resignierenden Feststellung:
"Versuchen wir nicht, mit irgendwelcher Genauigkeit die Grenzen jener Epochen vor dem Troianischen Krieg festzusetzen, weil keine zuverlässige Tafel über sie in unsere Hände kam." [Diod. 1.5.1]
Das soll uns aber nicht entmutigen.
Zeittafeln gab es gewiß nicht, nicht einmal Angaben über Regierungszeiten von Königen, womit orientalische Kulturen aufwarten können und wenigstens relative Datierungen erlauben. Doch auch diese haben ihre Problematik durch unterschiedlich überlieferte Zahlen, durch Lücken und Überlappungen von Dynastien. Das veranlaßte die Forschung immer wieder zu Korrekturen, die oft eine Reduzierung absoluter Daten zur Folge haben. Da diese meist nur an ein einziges Königshaus gebunden sind, können sie nur durch ihre Beziehungen zu gleichzeitigen fremden Dynastien kontrolliert und berichtigt werden, soweit nicht archäologische Funde und naturwissenschaftliche Methoden bessere Ergebnisse bringen.
Die griechische Tradition kennt zwar keine Zeitangaben, bietet jedoch gegenüber anderen Kulturen einen Vorteil durch zahlreiche Geschlechterfolgen und Königslisten. Sie bilden durch Querverbindungen infolge Heiraten, Freund- und Feindverhältnisse, gemeinsame Unternehmungen, erlittene Naturkatastrophen und Kriege ein dichtes Netz von Beziehungen, das sich räumlich sehr exakt und zeitlich relativ fassen läßt. Seine Strukturen sind so kompliziert, daß sie kein einzelner Geist noch ganze Gruppen erfunden haben können, weder Homer noch Hellanikos noch Apollodoros oder Pausanias und die vielen anderen. Sie können die Listen und Erzählungen nur als gegeben vorgefunden und gesammelt haben. Das Netz ist so konsequent und fest geknüpft, daß sogar falsche Informationen erkennbar sind, deren Zahl jedoch erstaunlich gering ist.
Unter Zuhilfenahme der Generationsrechnung, des einzigen verfligbaren Schlüssels, den auch die Griechen benutzten, lassen sich größere Zeitintervalle bestimmen. In sie fugen sich die Geschlechterfolgen mit ihren einzelnen Gliedern ein.
Das mag manchem fragwürdig erscheinen. Die Rechnung mit Generationen, mit der sich immer wieder bestätigenden Abfolge von drei in hundert Jahren, entspricht in gewissem Sinne der Dendrochronologie, sehr vergröbert zwar, aber mit geringeren Schwankungen als die Radiokarbon-Methode, die fir diese Zeitepoche bis zu ± 200 Jahre betragen. Das macht sechs Generationen in beiden Richtungen aus! [Die heutige Genauigkeit liegt bei ± 40 bis 70 Jahren; Anm. des Hg.]
An Hand des durch Geschlechterfolgen gewonnenen Raum-Zeit-Gerüstes wollen wir nach Plutarchs Worten
"mit verstandesmäßiger Kritik das Sagenhafte ausschalten, um den historischen Kern zu erfassen." Verfugen wir auch nicht mehr wie er über den Reichtum antiker Schriften, so haben wir umfassendere Kenntnisse durch Archäologie, vergleichende Geschichte und naturwissenschaftliche Hilfsmethoden, die zum besseren Verständnis der Überlieferung beitragen.
Wie unser Geschichtsbild selbst über andere, besser dokumentierte Epochen durch neue Erkenntnisse und Unterlagen ständigen Korrekturen unterliegt und dennoch nie als die letzte Wahrheit gelten kann, soll auch hier nur gezeigt werden, wie die Historie der griechischen Vorzeit abgelaufen sein könnte. Vieles mag hypothetisch, manches zu gewagt oder auch falsch interpretiert sein; es soll Anregung geben, auf diesem Gebiet noch intensiver zu forschen.
Der Leser wird Verständnis haben, wenn er nicht mit unzähligen Zitaten heutiger Gelehrter konfrontiert wird, die sich zu dieser Materie geäußert haben. Auf ihre Beiträge wird nur dann zurückgegriffen, wenn sie die hier neu aufgedeckten Fakten aus den griechischen Mythen wirklich berühren.
Ein Wort sei noch zur Datierungsfrage gesagt. Leser, die mein Buch Olympias Uhren gingen falsch kennen, werden sich fragen, warum die dort ermittelte, um 13 Olympiaden (= 52 Jahre) reduzierte Datierung hier nicht übernommen ist. Das ist durchaus nicht gleichbedeutend mit einem Widerruf. In der vorliegenden Abhandlung wird nur deshalb kein Gebrauch davon gemacht, weil der Leser an die allgemein geläufigere Datierung gewohnt ist - die ohnehin schon erhebliche Differenzen aufweist - und durch neue Zahlen nur mehr verwirrt würde."