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Wir bleiben bei Schieffers Rezension, der ich nur hier antworten kann. Er referiert meine Gedanken durchwegs korrekt; lediglich bei der Tang-Dynastie, deren Existenz ich nicht bestreiten will [lllig 1996, 19], berichtet Schieffe das Gegenteil.

Er hält seinem Vorgänger als Präsident der Monumenta Germanica Historica, Horst Fuhrmann, die Stange, wenn es um den antizipatorischen Charakter der großen Fälschungen geht. Er betont, daß die Fälschungen sehr wohl mit Absicht gemacht worden seien, doch später unter anderem Vorzeichen zum Einsatz kamen. Da wüßte man doch gerne, warum die so absichtsvoll gestaltete Fälschung - etwa die 10.000 Dokumente der Pseudo-Isidorien - ihrer ursprünglichen Absicht so wenig genügten, daß sie zunächst keine Wirkungsgeschichte hatten, daß nicht einmal ihre Existenz interessierte. Und man wüBte gerne, wieso Jahrhunderte später - "ein bißchen später" laut Prof. Weinfurter [1-1997, 129] -, als gemäß Fuhrmann "eine entsprechend veränderte Welt die Fälschungen aufgenommen" hat [Fuhrmann 1988, 91], prompt die jeweilige Urkunde, das passende Konvolut zur Stelle war? Es geht wohl nichts über ein akribisch geführtes Archiv. Dabei wirft mir Schieffer, wie schon in der Rundfunkdiskussion, vor, daß ich Zitate aus dem Zusammenhang risse. In diesem Falle handelt es sich um ein Zitat von eben jenem Münchner Fälschungskongreß, den Fuhrmann mit seinem Hauptreferat beschloß und der dabei sicher wußte, welchem Kollegen er da antwortet.

Schieffer wiederholt mir gegenüber seine Meinung zur Gregorianischen Kalenderreform, wobei er sich vergaloppiert. Er sieht den das Osterfest terminierenden Vollmond bereits vor dem Frühlingszeitpunkt aufgehen. Wäre man im Hoch- und Spätmittelalter so verfahren, hätten nicht Klagen laut werden können, daß das Osterfest viel zu spät, fast in den Frühsommer falle. Der eigentliche Punkt wird von ihm nicht angesprochen: Die Kalenderkorrektur um 10 Tage brachte Himmel und Kalender in Einklang, obwohl damit nur der seit ca. 300 kumulierte Fehler des julianischen Kalenders behoben wurde. Die restliche Fehlersumme von 3 Tagen, die bei Schieffers Sicht zwischen Cäsar und Nicäa aufgelaufen sein muß, wird dadurch kaschiert, daß man für Cäsar einen 24.3. oder 25.3. als Frühlingspunkt annimmt, der jedoch nicht von der Präzessionsverschiebung, sondern von dem abweichenden römischen Frühlingsbeginn am 25.3. herrührt.

Bei Karls Begräbnis werde ich gerügt, daß ich mehr erwarte als ein rasches Beseitigen der Leiche, sicheres Zeichen dafür, daß ich mit dem Maßstab ganz anderer Zeiten hantiere [ebd, 613]. Keine Erklärung hat Schieffer für die Minimalzahl der namentlich bekannten Vasallen [ebd. 614]. Erstaunlich ist sein vehementes Eintreten für den vergeßlichen Einhard:

"Wenn er 'uns in aller Unschuld erzählt, er habe weder vom Kaiser selbst noch am Kaiserhof etwas über Karls Geburt, Kindheit und Jugend .. in Erfahrung bringen können' (40), so ist das nicht, wie Illig befindet, 'ausgeschlossen', sondern um 825 beim Abstand zu den 750er und 760er Jahren einleuchtend und spricht entschieden für die Aufrichtigkeit der Quelle, die gerade nicht mit der Einbildungskraft eines Fälschers Wissenslücken übertüncht" [Schieffer 613].

Schieffer ignoriert hier, daß Einhard seit 794 am Karlshof gelebt haben soll. Wenn er in fast 20 Jahren an der Seite Karls nichts über die Jugend des großen Kaisers erfahren konnte, wird der Eindruck eines Trappistenklosters suggeriert. Ich orientiere mich da doch lieber an Leopold v. Ranke (hier im Heft auf S. 667), dem Einhard überhaupt nicht geheuer ist, allerdings den entscheidenden Schritt noch nicht wagt: "es sind so viele Verstöße zu bemerken, daß man oft an der Echtheit des Buches gezweifelt hat, obwohl sie über allen Zweifel erhaben ist."

Neben der Aachener Oktogonkuppel kontert Schieffer meinen Abgleich zwischen Hunderten von urkundlich genannten Großbauten und dem Minimalergebnis der Archäologen:

"Genüßlich zerpflückt Illig einen ziemlich pauschalen Beitrag von zweieinhalb Druckseiten aus dem Jahr 1965, eigentlich den Kommentar zu einer Karte in der damaligen Aachener Karls-Ausstellung, worin von 313 'Großbauten' der Karlszeit (Kathedralen, Königspfalzen und Klöstern) die Rede gewesen war [.. .] Dabei wird, freilich im Einklang mit mancher kunsthistorischen Literatur, stillschweigend vorausgesetzt, daß es sich um lauter Anlagen in der Größenordnung des (niemals realisierten) Sankt Galler Klosterplans gehandelt habe; realistischer ist es, sich vergleichsweise kleine Gebäude, auch aus vergänglichem Holz, vorzustellen, die in der Folgezeit manchen Gefährdungen ausgesetzt waren, vor allem vielfach wohl stattlicheren Neubauten aus nachkarolingischen Epochen haben weichen müssen. Außerdem ist der archäologische Forschungsstand an der großen Mehrzahl der in Betracht kommenden Plätze gar nicht so, daß er Illigs Argumentum e silentio stützen könnte" [Schieffer 614f].

Solchermaßen belehrt, schlage ich ein Buch von 1996 auf, das sich u.a. mit dem Problem befaßt, ob der karolingische Dom zu Köln nicht vielmehr ein ottonischer gewesen sei. Bei der Diskussion um diesen Punkt, der letztlich ungeklärt blieb, ist folgender Beitrag dokumentiert:

"Die Interpretation dieses unzulänglichen Befundes [unterhalb von Kölns gotischem Dom] beruht auch auf einer sehr dünnen Basis von Vergleichsmöglichkeiten. Ich erinnere an eine Karte, in der alle Klosterkirchen zur Zeit Karls des Großen im Frankenreich eingezeichnet sind. Wenn man diese Fülle von Belegen der schmalen Anzahl von Baubefunden gegenüberstellt, dann sollte man sich ganz nüchtern klarmachen, daß wir mit einem Minimum an Denkmälern ein Maximum an Aussagen machen. Dabei werden meistens nicht Befunde und Bautormen verglichen, sondern Meinungen von Kollegen über Befunde und Bauformen" [Oswald in Wolff 180].

SCHIEFFERS DRITTE STELLUNGNAHME

Ich bekenne: Ich habe Friedrich Oswalds Äußerung von 1984 nicht als heimliche Quelle benutzt, da sie erst 1996 publiziert worden ist, sondern ich habe sie antizipiert. Und bevor mir ein drittes Mal der Vorwurf des aus dem Zusammenhang gerissenen Zitats begegnet, konstatiere ich, daß Oswalds Worte im Beisein von Rudolf Schieffer gefallen sind und daß weder er noch sonst ein Anwesender - darunter Günther Binding, Günter Fehring, Hansgerd Hellenkemper, Albert Verbeek, Dethard v. Winterfeld - dagegen irgendetwas eingewandt hätte.

Prof. Hellenkemper leitet gegenwärtig als Direktor des Römisch-Germanischen Museums die Grabung am Kölner Heumarkt. Interviewt von K.H. Schmitz [1997], äußert er im Oktober dieses Jahres:

"Hier erhofften wir uns die Chance, das halbe Jahrtausend nach ihnen [den Römern] aufhellen zu können. [...] Die Römer sind weg. Ihre Bauten und sonstigen Hinterlassenschaften sind von den Karolingern ab dem 9. Jh. regelrecht recycelt worden [...] Die karolingische Nutzung war so intensiv, daß durch sie mit den römischen auch die fränkischen Zeugmsse kaputtgemacht wurden."

Schmitz fährt in seinem Bericht fort:

"Und in dieser Hinsicht wurde ganze Arbeit geleistet, als im 10. Jahrhundert der Heumarkt als Ergänzung des zu klein gewordenen Alter Markt großzügig geplant wurde [...] Was aber letztlich neben dem zu klein gewordenen Alter Markt den Ausschlag für die offenbar schnelle und konsquente neue Platzanlage gab, konnte noch nicht geklärt werden. So heißt es zwar, daß die Normannen bei ihrem Sturm auf die Stadt [881] vom Rhein her Feuer legten - aber Spuren des Feuers sind bisher nicht nachzuweisen [ ~ ] Rätsel gibt den Archäologen noch ein Industrieofen in der Südost-Ecke des Grabungsfeldes auf, der zwar zum Schmelzen von Metall oder Glas komplett in römischer Technik gebaut - aber jetzt in einer ansonsten rein karolingischen Umgebung freigelegt wurde.

Nachdem schon die Ausgrabung am Kölner Quartermarkt, gleich bei Rathaus und Mikwe, nichts Frühmittelalterliches von Relevanz erbracht hat, bleibt offenbar als letztes Argument, daß die Karolinger, die doch auch Franken waren, sich selbst zu Granulat recycelt haben. So wäre endlich die unbestreitbare Fundarmut geklärt. Besser wäre es jedoch, der Realität ins Auge zu schauen. Der ottonische Platz wurde auf merowingerzeitlichen Laufflächen angelegt. Der Wikingerterror des 9. Jhs., der allen Flußstädten zwischen Köln und Sevilla Tod und Verderben gebracht haben soll, ist bislang nirgends archäologisch nachgewiesen und entstammt der Erfindungskraft frommer Chronisten. Und man sollte die den Karolingern zugeordneten Funde kritisch prüfen. Es könnte sich dann herausstellen, daß sie eine Gemengelage aus ottonischen und spätantiken Resten darstellen.

Schieffer bemängelt des weiteren, daß ich das Volumen der Originalpergamente aus 7., 8. und 9. Jh. zu niedrig einschätze, daß die Schriftzeugnisse des 10. Jahrhundertes "einhellig das Bewußtsein ihrer Urheber, im 10. Jahrhundert nach Christus zu leben., widerspiegeln, worauf ich zurückkommen werde, und daß meinem ersten noch ein zweiter Band folgen soll. Wir werden in eine neue Runde gehen.

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